GEDICHTE

Blaue Stunde. Skagen

 

Der Strand hinauf nach Grenen, wo die Meere

Bauch an Bauch miteinander ringen.

Zwischen Licht und Nacht

verschmelzen Himmel und Wasser

zu einem kühlen Streifen.

Aus Krøyers Bild tritt eine Frau

im hellen Kleid.

Der nasse Saum zieht sie zur Erde,

Salz verklebt die Falten der Wellen,

die in die Tiefe reißen, was atmet:

die Frau, den roten Hund, den Wind,

der die Dünengräser kämmt.

 

 

Die von vor dem Krieg. Szczecin–Warschau

 

mit dünnem Strich in den Augenblick gezeichnet

sie: helle, mit dem Brenneisen gelegte Locken,

Haut wie Papier, wie Maler sie lieben,

Puffärmel, ein Pullover in gedämpftem Rot,

der Blick unter halb gesenkten Lidern,

am Ringfinger ein Ring mit Stein,

dahinter der Ehering – ein Schwur, der den anderen bewacht.

er: dunkelblond, breitschultrig, der Schnurrbart wie Fühler,

ein Siegelring am Zeigefinger,

olivgrüne Hose, ein rostroter Gürtel,

das gestreifte Hemd unter die Schnalle gesteckt.

er hebt Rucksäcke aus Drillich auf die Ablage,

aus der Tasche an seiner Schulter

streckt ein fuchshafter Hund den Kopf.

Waren so die Mädchen des Warschauer Aufstands?

Hatten die jungen Männer diese Ruhe in sich?

Ich blättere in Gedanken den Lauf der Dinge zurück

wie eine Seite des Buches, das sie liest,

wonnig an den Schenkel ihres Mannes gelehnt.

 

 

Symmetrie. Cluj-Napoca–Warschau

 

jede Stunde hat ihr Spiegelbild

Nachtlampen zu beiden Seiten des Betts

zwei Kissen, falls jemand wiederkäme

nach dem Start schaut sie lange hinaus

als läge dort die Hälfte ihres Atems

zwei Tragflächen, zwei Seiten des Schicksals

nur der Defekt lässt sich nicht kopieren

wie ein Fingerabdruck, ein Fehler in der Gleichung

unter dem großen Kreuz ein gebeugter Mensch

Finger und Worte verirren sich im Gebet

trockne ihre Tränen, Gott aller armen Kreatur

niemand geht ein Leben lang mit nassem Gesicht

lass nur einen Beweis der Existenz

– ein Rinnsal auf der Wange

 

 

Bei Tallinn

 

Jagdflugzeuge zerreißen den Himmel.

nur Übungen – wiederholen wir mehrstimmig,

damit die Angst uns nicht um den Verstand bringt.

aus winzigen Samen: Menschen, Blumen, Bäume.

wir wachsen abwärts, üben das Fallen.

ich wollte ein Zuhause geben und gab Angst,

lehrte nicht Gebete, sondern Namen von Psychopharmaka.

wer fängt einen Krieg an? bekommt ein Kind? pflanzt einen Wald?

Wir folgen Spuren, die schon verwischen,

suchen einen Stein, ein Geländer, eine fremde Schulter –

irgendetwas

 

 

treppe zur kirche. Kniazie

 

ausgetreten

abgetreten

schartig

blankgewetzt

bis zum Glanz

Gebetssätze

tausendfach

wiederholt

verlieren die Schärfe

ohne Geländer

durchgebetet

aufwärts die Worte

vom Hals der Stein

vom Hals der Stein

 

 

Das lyrische Ich

 

Damit nur niemand denkt,

durchs Gedicht husche der Autor aus Fleisch und Blut,

ihn rühre der Schatten der Blätter

an der Südwand,

sein Herz zähle die Stunden bis zum Morgengrauen,

seinen Ängsten füge er die vom Verschwinden der Bienen hinzu,

ihn zerstreue der Herbst,

und jetzt schlage er die hohen Töne an,

weil er ihn nicht halten konnte,

ihn habe man der Welt zum Fraß

vor-geworfen,

er füttere die Einsamkeit wie Fische im Teich,

er prüfe das Wetter für morgen,

als hinge davon die globale Rettung ab,

sein Schweigen spiele nur Metapher,

ihm liefen zwei wichtige Worte nach,

für die er einen Zuhörer suche,

er bessere im Gedicht das Leben nach,

er habe auf Flugmodus geschaltet –

der nichts mit Fliegen zu tun hat.

 

 

Dolce Vita. Gardasee

 

Die ganze Zivilisation

geht heute Abend unter,

ohne Chance auf Wiederkehr

– sagte der Allerwichtigste

von jenseits des Ozeans.

Auf dem weißen Tischtuch

ein Glas Aperol,

eine Scheibe Orange.

Magnolienblüten,

vom Blick geführt,

fallen ohne Eile.

Platz in der ersten Reihe:

Türkis bis zum Horizont,

Zypressen und Kirchtürme

zielen in den Himmel,

zum Glück die Glocken,

zum Unglück die Glocken.

Das Licht der Olivenhaine

kennt mehr als ein Ende.

 

 

das Eichhörnchen

 

es kommt in den Garten, immer zur selben Stunde.

bleibt ein paar Schritte entfernt stehen. Schaut.

die geschenkte Nuss frisst es oder vergräbt sie.

einer gibt, einer will nehmen.

es ist nicht wie ein Hund, nicht wie eine Katze,

doch die täglichen Begegnungen

lassen an Freundschaft denken.

dann läuft es über die Straße

und verschwindet in den hohen Kiefern.

in der Morgensonne

sehe ich sie aus der Nähe:

das Fuchsrot des Fells geht über

in lebendiges Rot.

auf dem Asphalt. reglos.

oder sie läuft weiter durchs Gedicht.

 

 

DIE REISE

 

Ich breche auf, eine lange Reise. In warme Länder.

Hier rinnen die Tropfen noch immer über die Rücken der Dächer.

In den Ritzen heulen die Winde. Der Wahnsinn wächst.

Ich bin in Nebel versunken. Wie der größte Teil der Welt.

In Nebel, in dem nachts die Dämonen schlüpfen.

Noch zu deutlich sind mir deine Stimme, dein Geruch, deine Berührung,

als dass ich bliebe. Wie eine Bettlerin lege ich Gebete zurecht,

rufe die Zeit zu Hilfe, obwohl ich weiß: sie wird mich zerstören.

Geduldig wie Morphium.

 

 

BRIEF AUS JASTARNIA AN VAN GOGH

 

Der Hafen von Jastarnia ist klein.

Auf der einen Seite Schiffe und der Geruch von altem Fisch,

auf der anderen geflickte Kutter – Boote wie von Kindern gemalt,

blau wie der Himmel, gelb wie der Sand an Sonnentagen.

Auf jedem eine winzige Kajüte, Platz für einen.

Auf Holztäfelchen die Beschwörung „Gott sei mit uns“

– wie viele Stürme hat sie überstehen geholfen?

Sie würden diesen Ort lieben, Herr van Gogh,

obwohl Sie den heimatlichen Norden verließen, in den Süden, nach Frankreich.

Das ist Holland, nur mit Farbe – sagten Sie

vor den Weinbergen an den Hängen, den Olivenhainen,

dem durchsichtigen Himmel.

In Jastarnia ist es hell. Licht und Wasser.

Von der Bucht zum offenen Meer

geht man keine zehn Minuten.

Sie könnten die Fischer malen, ihre herben Bewegungen,

und ihre Kinder mit dem zu weißen Haar.

Sie könnten die Möwen malen – schreiende Gefährtinnen der Menschen –

oder die Zungen der Sonne auf der Bucht.

Mit der Zeit würden Sie sich mit Ihrer Staffelei

in dieses Hafenbild einfügen,

wie jetzt ich, mit Ihren Briefen an den Bruder.

Versuchen wir, unser Los zu lieben,

so wie es ist – schrieben Sie an Theo,

halb Pastor, halb Künstler.

Erdklumpen, gelbes Gras, weiches Korn,

Mandelbäume über und über in rosa Blüte,

fleischige Sonnenblumen, Zypressen, karge Zimmer,

Briefträger, Schuster, schöne Arlesierinnen.

Mit Kaffee, Absinth und Wahnsinn kamen Sie zu Ihren Gelbtönen.

In den Bordellen betäubten Sie die Traurigkeit

und gaben leichtsinnig das kleine Geld vom Bruder aus.

Sie wollten glauben, dass Krankheiten manchmal heilen.

Wussten Sie, dass Einsamkeit tötet?

 

 

A FORCE DE LA NATURE

 

Wie die Quecke sein.

Sich in jede Einzelheit der Mauer drängen,

in jede Ritze,

in jeden Winkel der Landschaft.

Ewig und stumm,

die Wurzeln ausgreifend

in alle Richtungen.

Ihre Kraft haben,

ihren Willen zur Dauer.

Den Mut, weiterzuwachsen

trotz angerissener Teile.

 

 

ICH DENKE GERN AN DICH

 

Ich denke gern an dich. Du gehst durch die Häuserschlucht,

die Einsamkeit wie eine gerollte Zeitung unterm Arm.

Im dunstigen Licht der orangen Laterne

tanzen die Blätter. Wild ist der Wind heute.

Wir schliefen noch, als mitten auf der vollen Straße

zwei Bäume wuchsen. Du und ich.

Du sagst, die Liebe sei nicht immer traurig.

Die Liebe ist wild. Wie der Wind.

 

 

ICH KANN NICHT SCHLAFEN, LIEBSTER

 

Ich kann nicht schlafen, Liebster. Ich stehe am Fenster:

über den Dachkammern, geschmiegt ans tiefe Schwarz der Nacht,

spazieren auf den weinroten Dächern der Mietshäuser

Frauen, aus deinen Träumen gerissen. Nackt.

Stumm wie Katzen. Und bleich wie der Mond.

Wer sonst sieht sie hier? Kehren sie jetzt zurück

in die Arme des Mannes, der sie beschworen hat?

Göttinnen der Träume, Geliebte, die am Morgen verschwinden

und den Duft gelösten Haars zurücklassen –

auf dem Kissen. Auf den Lidern. Auf den Spitzen

der tauben Finger.

 

 

IM RECHTECK

 

Im Rechteck des Krankenhausfensters

wie in einem beschnittenen Filmbild

Bäume – Streichhölzer in geraden Reihen

ohne Wurzeln, ohne Kronen

ohne Anfang und Ende

jeder Tag steril

wie Gleichgültigkeit.

Im Rechteck des Daseins

hier und jetzt

zählt nur

mein Körper.

Zeit – das Klacken der Schwesternschuhe.

Menschen werden geboren

Menschen sterben

 

 

ZEIT

 

Herbst wie eine verbotene Liebe.

In den raschelnden Blättern

mehr Hoffnung als Abschiede.

Noch nie bin ich so weit gewandert,

dass ich mich selbst gefunden hätte.

Ein Stundenglas kann man umdrehen:

zusehen, wie die Körner

von neuem rieseln

 

 

Spaziergang

 

Ein menschenleeres Städtchen, oder: die Kulisse eines Films.

Offene Tore warten auf die Rückkehr der Hausherren.

Satte Katzen in Sonnenflecken, die Augen halb geschlossen.

Glück, sagt Epikur, ist ein Gespräch über Philosophie

mit einem Freund im eigenen Garten.

Oder ist Glück ein Spaziergang am Morgen,

in dem man erstarrt wie in Bernstein –

zumal wenn ringsum

byzantinischer Prunk liegt. Gold und Purpur.

So viel Tod in diesem Herbst – sagt M.

Mögen die Gedichte wie brennende Linden und Ahorne

sich der Dunkelheit entgegenstellen.

 

 

Platon auf der Strecke Warschau–Hamburg

 

Woher wusste er, dass wir mit dem Gesicht zur Wand sitzen,

im Halbdunkel die Schatten, hinter dem Rücken das Leben –

kannte er die Gewichte an den Knöcheln?

den Schmerz des ersten Atemzugs nach dem Blick zurück?

Ich sehe ihn im Flugzeug, Fensterplatz.

Der Winter geht zu Ende. Das Gerippe der Erde knackt.

Als wir die Wolken durchstoßen, kneift er die braunen Augen zusammen:

Hierhin also hat sich alles Licht der Welt verkrochen?

Verstohlen seh ich zu, wie er ruhig im Sitz einschläft,

die Hände auf der Lehne – der kleinste Finger zuckt,

als spielte er oder bräche Eis unter den Lidern.

 

 

Morgenkaffee. Strzeniówka

 

ich öffne die Augen – nach der Nacht sieht nichts mehr aus wie gestern,

jemand hat den Vorhang aufgezogen: auf einem anderen Kontinent

ein schwankendes Gerüst, darunter die Menge mit Fackeln.

eine Welle schwillt an, morgen steht sie dir an den Füßen,

mir, dem Nachbarn. im Sturm ist jede

höher als die letzte – oder sind wir ein Traum,

der alle zugleich träumt?

M. kommt durch die verschlossene Tür,

uneingedenk seines Nichtseins,

isst glasierte Plätzchen – eines, noch eines, ein drittes,

sagt mit vollem Mund, auch der Tod lasse sich überleben.

 

 

atem. berlin-warschau

 

scarlett johansson ist der bestverdienende star

während die armee ihrer buchhalter und anwälte

die reihen der dollarziffern addiert vermehrt,

zähle ich die schatten an der decke, wie sie auseinandergehen –

ein echo unseres flüsterns in den hotelzimmern.

scarlett johansson ist der bestverdienende star

die uralte alchemie verwandelt ein engelslächeln in materie.

was fängt sie mit dem geld an, wenn der krieg ausbricht?

du sagst, sicherheit, das sind keine safes, kein gold,

sondern große hände wie deine. die liebe fragt nicht

nach namen von stars, nach schränken zum verstecken,

nach magazinen voller waffen. sie ist zwischen den fingern wie wasser,

das alle mündungen kennt.

scarlett johansson ist der bestverdienende star

sieht noch jemand ihr lächeln in den pfützen,

ungesagte worte ertrinken darin

ich berühre sie mit der zunge, prüfe, wie viel wahrheit in ihnen ist

und wie viel vollmundiges versprechen. dein schatten huscht vorbei

wie die landschaften auf der strecke berlin-warschau.

scarlett johansson ist der bestverdienende star

zähl mich statt des goldes – sagst du

wir sind beieinander im alt gewordenen apfelbaum,

in den krümeln auf dem tisch, im glas

pomeranzenkonfitüre, nicht ganz zugedreht,

die zeit krümmt sich, um uns einen augenblick mehr zu geben,

wenn das chaos ausbricht, wenn die uhren stehen bleiben,

werden wir atemzüge zählen.

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